Wie Eltern wissenschaftliches Denken von Kindern prägen
Prof. Christopher Osterhaus über langfristigen Einfluss außerhalb der Schule

5. Juni 2024
Die Förderung des wissenschaftlichen Denkens von Kindern wurde bislang vor allem den Bildungseinrichtungen zugeschrieben. Jetzt zeigt eine Studie erstmals wie groß der Einfluss von Eltern auf das wissenschaftliche Denken ihrer Kindern ist.
Federführender Autor der Studie ist Christopher Osterhaus, Juniorprofessor für Entwicklungspsychologie im Handlungsfeld Schule an der Universität Vechta. Er spricht von wegweisenden Ergebnissen, die hilfreich für die Bildung in und außerhalb der Schule seien. Die Studie ist in der renommierten Zeitschrift Developmental Science erschienen.
„Die Schule wirkt offenbar nicht in dem Maße ausgleichend zum Elternhaus wie bisher angenommen.“
Prof. Dr. Christopher Osterhaus, Universität Vechta
Federführender Autor der Studie ist Christopher Osterhaus, Juniorprofessor für Entwicklungspsychologie im Handlungsfeld Schule an der Universität Vechta. Er hat die Studie und Datenerhebung in Kooperation mit Susanne Koerber durchgeführt, Professorin für Frühe Bildung an der Pädagogischen Hochschule Freiburg.
WiN | Herr Osterhaus, Sie sind mit Ihrer Arbeit einem bedeutenden Aspekt der kindlichen Entwicklung auf der Spur. Warum ist diese Studie so wichtig?
CO | Das wissenschaftliche Denken ist eine unverzichtbare Fähigkeit in modernen Wissensgesellschaften. Wir begegnen täglich Evidenzen, Experimenten und Daten – sei es bei Fragen zum Klimawandel oder, wie jüngst, während der Pandemie. In vielen Lebensbereichen ist es ein großer Vorteil, evidenzbasierte Entscheidungen zu treffen. Um dies zu ermöglichen, ist wissenschaftliches Denken unerlässlich. Seit Beginn meiner wissenschaftlichen Laufbahn beschäftige ich mich intensiv mit dem Thema wissenschaftliches Denken.
Vor kurzem habe ich dann angefangen, den Einfluss der Eltern auf dieses Denken zu erforschen. Dieses Interesse entstand aus früheren Studien, bei denen wir bemerkten, dass einige Kinder schon in jungen Jahren sehr gut im wissenschaftlichen Denken sind, während andere mehr Mühe damit haben. Wir wollten herausfinden, warum das so ist. Deshalb haben wir untersucht, wie die Wissensvorstellungen der Eltern – also was sie über die Wissenschaft denken und darüber, was wir Menschen wissen können – damit zusammenhängen könnten, wie gut ihre Kinder wissenschaftliche Konzepte begreifen.
In unserer aktuellen Studie haben wir 161 Kinder im Alter von 6 bis 10 Jahren über einen Zeitraum von fünf Jahren untersucht, um herauszufinden, wie sich die Überzeugungen ihrer Eltern auf ihr wissenschaftliches Denken auswirken. Unser langfristiges Ziel ist es, herauszufinden, wie wir allen Kindern helfen können, besser wie Wissenschaftler*innen zu denken – unabhängig von ihren Startbedingungen.
Was ist denn wissenschaftliches Denken eigentlich?
Wissenschaftliches Denken zeigt sich, wenn Kinder experimentieren, Daten interpretieren oder wissenschaftliche Fragen beantworten. Es umfasst die Fähigkeit, systematisch und logisch vorzugehen, Hypothesen zu formulieren und diese zu testen, sowie Schlussfolgerungen auf Basis von Beobachtungen und Beweisen zu ziehen. Wenn Kinder beispielsweise ein Experiment durchführen, lernen sie, wie man eine Frage stellt, eine Hypothese entwickelt, geeignete Methoden zur Datenerhebung auswählt, die gesammelten Daten analysiert und daraus Rückschlüsse zieht.
Kinder, denen wissenschaftliches Denken schwerfällt, haben oft Probleme damit, klare Fragen zu stellen oder präzise Hypothesen zu formulieren. Auch das systematische Vorgehen beim Testen ihrer Hypothesen fällt ihnen schwer. Sie neigen dazu, in Experimenten nicht nur eine Variable zu manipulieren, sondern mehrere gleichzeitig. Dies führt dazu, dass sie am Ende nicht mehr nachvollziehen können, welche Variable tatsächlich die beobachtete Veränderung verursacht hat.
Solche Schwierigkeiten können ihre Fähigkeit beeinträchtigen, effektive Problemlösungen zu entwickeln und fundierte Entscheidungen zu treffen, was in vielen Lebensbereichen von Nachteil sein kann.
Nennen Sie doch dafür bitte mal ein paar konkrete Beispiele.
Kinder experimentieren beispielsweise, um herauszufinden, welches Material am besten schwimmt. Sie könnten dazu Gegenstände einer bestimmten Größe aus Holz, Plastik oder Metall ins Wasser geben und beobachten, welche davon schwimmen und welche sinken. So könnten sie ihre Vermutungen darüber testen, warum bestimmte Gegenstände schwimmen und andere nicht.
Eine Situation, in der die Interpretation von Daten relevant ist, könnte beispielsweise ein Szenario sein, in dem Kinder die gleichen Blumen in verschiedene Töpfe pflanzen. Einige bekommen viel Sonnenlicht, während andere im Schatten stehen. Die Kinder beobachten regelmäßig, wie sich die Blumen entwickeln, und notieren, wie groß sie werden – sie sammeln also Daten. Dabei könnten sie feststellen, dass die Blumen, die mehr Sonne bekommen, schneller wachsen als die im Schatten. Auf diese Weise lernen sie, wie Licht das Pflanzenwachstum beeinflusst, und entwickeln ein besseres Verständnis dafür, wie Pflanzen gedeihen.
Was sind nun die entscheidenden Erkenntnisse Ihrer Untersuchung dazu?
Die wichtigste Erkenntnis aus unserer Studie ist, dass die Eltern eine entscheidende Rolle bei der Entwicklung der Fähigkeit ihrer Kinder spielen, wissenschaftlich zu denken. Es geht also nicht nur darum, was Kinder in der Schule lernen, sondern auch um die Überzeugungen und Einstellungen, die sie von ihren Eltern zu Hause mitbekommen. Für Eltern, Lehrkräfte und andere Bezugspersonen ist es daher wichtig zu erkennen, dass ein unterstützendes Umfeld zu Hause die wissenschaftlichen Denkfähigkeiten eines Kindes erheblich unterstützen kann. Wenn Eltern und Betreuende sich ihres Einflusses bewusst sind, können sie aktiv zur Entwicklung ihres Kindes in diesem wichtigen Bereich beitragen.
Die Studie liefert einige neue Einblicke in unsere Entwicklung. Welche Ergebnisse haben Sie da besonders überrascht?
Besonders überrascht hat uns, wie stark die Überzeugungen der Eltern über Wissen mit der Entwicklung des wissenschaftlichen Denkens ihrer Kinder zusammenhängen. Wir waren erstaunt über die Beständigkeit dieses Effekts über die Zeit hinweg, was die dauerhafte Wirkung der elterlichen epistemischen Überzeugungen auf die kognitive Entwicklung der Kinder im Bereich der Naturwissenschaften unterstreicht. Dies zeigt deutlich, wie wichtig es ist, bei der Gestaltung von Maßnahmen zur Förderung des wissenschaftlichen Denkens bei Kindern auch die Rolle von Eltern und Bezugspersonen sowie langfristige Auswirkungen zu berücksichtigen.
Was sind Ihre langfristigen Ziele für diesen Forschungszweig?
Unser langfristiges Ziel für diesen Forschungsbereich ist es, pädagogische Praktiken und Interventionen zu entwickeln, die die wissenschaftlichen Denkfähigkeiten von Kindern verbessern. Indem wir das epistemische Verständnis der Eltern in die Bildungsprogramme einbeziehen, wollen wir sicherstellen, dass alle Kinder die Möglichkeit haben, ihr wissenschaftliches Potenzial voll zu entfalten. Letztlich hoffen wir, dass unsere Ergebnisse dazu beitragen, integrativere und effektivere Ansätze für den naturwissenschaftlichen Unterricht zu entwickeln, die Kinder mit unterschiedlichen Hintergründen befähigen, sich selbstbewusst und kompetent an wissenschaftlichen Untersuchungen zu beteiligen.
Ihre Forschung ist dazu gedacht, dass Leben von Kindern real zu verbessern. Wie planen Sie, dies umzusetzen?
Unsere Ergebnisse zeigen, wie wichtig es ist, Eltern und Betreuende als Partner:innen bei der Förderung des wissenschaftlichen Denkens von Kindern einzubeziehen. Indem wir das Bewusstsein für den Einfluss elterlicher Überzeugungen auf die kognitive Entwicklung von Kindern schärfen, möchten wir Gespräche in den Familien über den Wert einer unterstützenden Umgebung für wissenschaftliche Untersuchungen zu Hause anzuregen. Solche Dialoge können Eltern befähigen, eine aktive Rolle bei der Förderung der Neugierde, des kritischen Denkens und der Problemlösungsfähigkeiten ihrer Kinder zu spielen und damit letztlich eine solide Grundlage für lebenslanges Lernen und Erfolg im 21. Jahrhundert zu schaffen.
Vielen Dank, Herr Osterhaus.