Als Wissenschaftlerin im Rampenlicht
Dr.in Hannah Lathan über die Arbeit mit Medien zwischen Skepsis und Spaß

8. Februar 2023
Im Rahmen ihrer Doktorarbeit hatte Dr.in Hannah Lathan eine Studie über die Verbesserungsmöglichkeiten heutiger Schulbüchern angestellt. Zusammen mit der Pressestelle der Universität Vechta verfasste sie dazu eine Pressemitteilung – dann rollte eine Welle an Medienanfragen an. Eine brandneue Herausforderung für eine junge Wissenschaftlerin. Wie es sich anfühlt, plötzlich im Rampenlicht zu stehen und welche Wirkung das auf die eigene Arbeit haben kann, erläutert Hannah Lathan im Gespräch mit WiN.
WiN: Ihre Pressemitteilung hat einiges ins Rollen gebracht. Was genau?
HL: Es gab vielfältige Anfragen vom öffentlich-rechtlichen Fernsehen, vom WDR, NDR zum Beispiel. Dazu gab es viele Radiobeiträge bei unterschiedlichen Sendern und der WDR hat einen Tik Tok Beitrag über meine Arbeit gemacht. Außerdem kamen Anfragen von wissenschaftsnahen Zeitschriften, die ein Interview führen wollten. Ich habe dann gesehen, dass auch einige Zeitungen das aufgegriffen hatten und online-Medien wie „Bildungsklick“.
WiN: Das heißt, die Beiträge über Ihre Arbeit wurden auf einen Schlag deutschlandweit verbreitet.
HL: Ja, national ganz breit, auch in Bayern und nicht nur Norddeutschland. Es waren auch einige Herausgeberinnen, Professorinnen, Autorinnen von Schulbuchverlagen dabei, die darauf reagiert hatten. Das fand ich total klasse! Die wollten spezifisch die Handreichung anfragen, die Bestandteil meiner Dissertation war. Und genau das will man ja als Wissenschafterin, dass man einen Impact für die Praxis erreicht.
Dr.in Hannah Lathan ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Vechta.
Dort arbeitet sie in der Abteilung „Lernen in ländlichen Räumen“ und am Institut VISTRA. Die Wissenschaftlerin ist selbst Schulbuchautorin, verlegt im Cornelsen Verlag.
Ihre Studie zu Verbesserungsmöglichkeiten aktueller Schulbücher erregte große Aufmerksamkeit in den Medien. Darin erforschte sie die Bedrüfnisse von Schülerinnen und Schülern, vom Cover bis zum Aufbau ihrer Lernmaterialien in Buchform.
WiN: Wie fühlte es sich denn als Wissenschaftlerin an, dass Sie so ein Ziel plötzlich erreicht haben? Hatten Sie das erwartet?
HL: Nein, hatte ich nicht. Als Wissenschaftlerin ist man eingebettet in einen Kontext, hat seine Verbände und Communities, in die man die Ergebnisse trägt. Es ist auch nicht immer so einfach, denn Wissenschaft ist auch von politischen Zusammenhängen durchzogen. Dahinter stehen gewisse Interessen und Personen aus verschiedenen Bereichen. Intern gibt es da auch mal Reibereien, weil man Bereiche tangiert, die jemand anderes schon durchforscht. Das war bei mir etwas schwierig, weil viele am Rand das Feld der Schulbuchforschung schon erforschen, es ist ja ein wichtiges Element in der Schulpraxis. Durch die Pressemitteilung gab es das riesen Echo, das mich glücklich gemacht hat und bestärkt hat bei meiner Arbeit als junge Wissenschaftlerin. Und wenn man verweist auf die Wissenschaftszeitgesetz und die Debatte um „Ich bin Hannah – die durch meinen Namen bedingt besonders anspricht – dann hilft das Presseecho natürlich, das zeigt, dass man am richtigen Platz ist. Die Debatte ist da, dass es als junger Mensch nicht leicht ist, in der Wissenschaft Fuß zu fassen.[Unter dem Hashtag „IchbinHannah“ wurde eine Debatte um das Wissenschafts-Zeitvertragsgesetz gestartet, die sich um die befristete Anstellung und den Arbeitsdruck für Wissenschaftlerinnen dreht. Anm. WiN]
WiN: Sie hatten bis zu dem Moment der Anfragen ja eigentlich noch keine Erfahrung mit der Pressearbeit. Was waren denn Ihre größten Befürchtungen?
HL: Meine größte Befürchtung war, ob ich alles so darstellen und wiedergeben kann, wie ich es in meinen Forschungsarbeiten tue. Aber mir wurde schnell klar, dass das gar nicht geht. Das habe ich im Kontext der ursprünglichen Pressemitteilung erfahren, dass ich nicht so schreiben kann, wie ich es gerne machen würde. Man muss Abstriche machen, mit Blick auf die inhaltliche und fachliche Tiefe im Hinblick auf die Verständlichkeit und der Verallgemeinerbarkeit. Das ist die größte Hürde in der Kommunikation seiner Forschungsergebnisse.
WiN: Warum eigentlich, was macht da Angst?
HL: Dass durch die Verallgemeinerung die Tiefe und Vielseitigkeit verloren gehen. In der Schule nennen wir das didaktische Reduktion. Wenn man mit einer Klasse 3 oder 4 das Thema Landwirtschaft beleuchtet, ist es eine andere inhaltliche Tiefe als mit einer 11. oder 12. Gymnasial-Klasse. Wenn man dann zu stark verallgemeinert, werden die Ergebnisse und Ziele verzerrt oder verfälscht dargestellt.
WiN: Haben Sie das Gefühl, dass sich das bewahrheitet hat, wenn sie die fertige Pressemitteilung und Interviews anschauen?
HL: Ja und nein. Natürlich hat sich das bewahrheitet. Wenn ich z.B. das Ergebnis aus dem Tik Tok Video anschaue, kann ich in 30, 45 Sekunden nicht die inhaltliche Tiefe darstellen, die meine Arbeit aus dreieinhalb Jahren in Ihrer Gänze abbildet. Das muss sie aber auch nicht. Wir müssen sehen, was ist die Zielgruppe, was will ich erreichen oder mit den Ergebnissen tun. Wenn es die Leute erreicht, wie es soll, dann ist mein Job erfüllt. Das trägt dazu bei, dass man seine eigenen Forschungsergebnisse besser wertschätzen kann.
WiN: Würden Sie sagen, dass Sie nach den ersten Überraschungen und den ersten Interviews auch besser gelernt damit umzugehen?
HL: Ja, auf jeden Fall. Ich bin in meiner Wortwahl viel lockerer geworden. Die Sensibilität die ich vorher hatte, wo ich mich immer gefragt habe, kann ich das so schreiben, die ist weg. Die Hemmschwelle ist niedriger und man kann sich von der Nervosität frei machen. Gegenüber sitzen Menschen, die interagieren und gezielt nachfragen, wenn etwas nicht verständlich ist. Das ist auch total toll, weil man merkt, ich bin so im Saft, ich kann stundenlang über ein Thema sprechen, auch wenn mich jemand fragt, den ich gar nicht kenne.
WiN: Worum ging es bei einer Anfrage einer Akademie?
HL: Man hat mir angeboten, ich könnte in einem Fließtext die Ergebnisse meiner Arbeit kurz und komprimiert darstellen. Das Gespräch und das Interview sind dann aber doch die bevorzugte Form.
WiN: Wobei es doch vielleicht auch ein interessantes Feld sein kann, wenn man als Wissenschaftlerin Gastbeiträge in Magazinen schreibt.
HL: Ja, ich sehe schon Potential und hätte da Lust zu. Aber momentan ist der Arbeitsaufwand in der Wissenschaftslandschaft so groß. Man hat Lehre, Lehrveranstaltungen, die viel Zeit kosten. Auch jetzt wieder mit der Präsenzlehre unterschätzt man häufig, dass die Präsenzlehre mit mehr Verpflichtung und mehr Verfügbarkeit einher geht. Das ist ein Zeitfresser. Auch wo es wieder losgeht, mit Konferenzen in Präsenz, Veranstaltungen zum Netzwerken, die sehr wichtig sind und die letzten zweieinhalb Jahr nicht existent waren. Diesen Dingen gibt man dann doch den Vorzug, weil ich doch glaube, dass es einen weiter bringt als eine Pressemitteilung im Magazin.
WiN: Welchen Tipp würden Sie anderen Wissenschaftler*innen geben, wenn es um die Öffentlichkeitsarbeit geht – und sie sich im ersten Moment davor scheuen?
HL: Kontakt zu der Pressestelle aufzunehmen. Mir hat das total geholfen, auch der stetige Kontakt. Sie sagen einem, worauf man achten kann und auch Tipps, was man mehr hervorheben sollte oder was bei welchem Magazin beachtet werden soll. Und fragen, ob es so raus gehen kann, was ich fertig macht habe. So hat man eine Perspektive von einer Person, die einen anderen Focus in der Arbeit hat und ehrlich ist, dass etwas so nicht passt.
WiN: Kann Pressearbeit am Ende also… sogar Spaß machen?
HL: Ja, das macht total viel Spaß! Meine Ergebnisse sind dann dargestellt und man ist nicht mehr so kritisch. Selber hätte man es so nicht formuliert, aber es passt gut zusammen, wie es dargestellt ist im Gesamtkontext. Man wird auch sensibel für gewisse Punkte, wo man selbst Knackpunkte in der Entwicklung hatte. Und das macht Spaß sich auf der Ebene damit auseinanderzusetzen.
WiN: Dann vielen Dank und weiterhin gute Aufmerksamkeit für Ihre Arbeit!